Spannung am Turm

Der Stauferkreis entpuppt sich als Burgenland
Die Burgruine Hiltenburg über Bad Ditzenbach wird instand gesetzt. Archäologen fördern spannende Fundstücke zu Tage und sind überzeugt: Der Stauferkreis ist ein Burgenland.

Bruchstücke von Trinkgefäßen, Tierknochen, Keramiksplitter, einzelne Teile einer feinen Metallkette und eine durchlochte Tonkugel: Der vordere Wehrturm der Bad Ditzenbacher Burgruine Hiltenburg, dessen Innenleben ein Team um den Kreisarchäologen Dr. Reinhard Rademacher Schicht für Schicht ausgräbt, gibt viele Geheimnisse preis.

„Die Tonkugel zum Beispiel ist auf den ersten Blick unscheinbar, aber ihr Aussagewert ist nicht ohne“, konstatiert Rademacher. Bei diesem Fundstück handelt es sich nämlich um eine so genannte Spinnwirtel. „Das zeigt, dass die Frauen damals auf der Burg Wolle verarbeitet haben.“
Seit knapp drei Jahren wird die Burgruine Hiltenburg saniert und instand gesetzt. Die Arbeiten werden archäologisch begleitet. Rademacher ist immer wieder mit drei ehrenamtlichen Mitarbeitern der Kreisarchäologie sowie zwei Fachstudenten und zwei Schülern des Göppinger Mörike-Gymnasiums - Mitglieder der dortigen Archäologie-AG - auf dem Gelände hoch über der Kurgemeinde im Einsatz. In mühevoller Arbeit hat das Team zunächst die Wehrmauer am südöstlichen Rand des Plateaus ein gutes Stück freigelegt. Jetzt sind sie am Bergfried der Burganlage zu Gange.
„Unser Ziel ist einerseits, die Burgruine zu erhalten und andererseits, das Bild der Burg im Mittelalter zu rekonstruieren“, erzählt der Kreisarchäologe. Hierzu sammeln die Helfer sämtliche Fundstücke, die sie und andere Spezialisten später genau untersuchen und auswerten werden. „Diese Relikte aus dem Alltagsleben auf der Burg sind Quellen, die wir lesen können. Anhand dieser Funde können wir genau sagen, wo wir uns zeitlich befinden.“ Außerdem fertigt Rademacher maßstabsgetreue Detailpläne von den angetroffenen Bauzuständen an. „Aus diesen Plänen kann man später einen Gesamtplan der Burg erstellen. Damit können wir viel über das Leben auf der Burg aussagen“, berichtet Rademacher.
Um das Mauerwerk der vermutlich im 13. Jahrhundert erbauten und im Jahr 1516 niedergebrannten Hiltenburg freizulegen, wurde es von Bäumen und Sträuchern befreit, der Hangschutt wurde abgeräumt. So kam die „Zwei-Schalen-Mauer“, die direkt auf dem gewachsenen Fels aufsitzt, zum Vorschein. „An manchen Stellen war der Untergrund im Fels brüchig. Dort war die Mauer ausgebrochen.“ Eine Spezialfirma hat die Mauer mit einem Mörtel, der schon im Mittelalter verwendet wurde, ergänzt. Dabei legt Rademacher besonderen Wert darauf, den „Istzustand der Mauer zu sichern und zu erhalten - ganz ohne Fantasiegebilde.“
Auf eine Überraschung trafen die Archäologen bei den Arbeiten am Wehrturm: Unter einer Schicht Brandschutt fanden sie tausende Fragmente von Ofenkacheln. „Vermutlich wurden alte Kachelöfen herausgehauen. Der Ofenschutt wurde, warum auch immer, ins Untergeschoss gefüllt“, konstatiert Rademacher. Mittlerweile sind die Helfer sechs Meter tief in den Erdboden vorgedrungen. „Irgendwann kommen wir an den Grund des Turmes. Wir sind gespannt, was uns dort erwartet.“
Inzwischen hat ein Hobby-Historiker auch das Inventarbuch der Burg in einem Archiv gefunden. „Wir wissen jetzt ganz genau, welche Möbel in welchem Raum gestanden haben“, so Rademacher erfreut. Das ließe jetzt genaue Rückschlüsse auf die Raumaufteilung der Hiltenburg zu.
Mit Radar auf Spurensuche
Informationen, die zur Hiltenburg gefunden wurden, fehlen für andere Burgen im Landkreis, bedauert der Kreisarchäologe, der den Stauferkreis als ein reinstes „Burgenland“ bezeichnet. Über 60 Burgen schätzt der Experte, sollen einst auf der Gemarkung des heutigen Stauferkreises gestanden haben. Doch viel ist davon nicht übrig geblieben. An manchen Stellen kann man nur noch im Gelände erahnen, dass da eine Burg gestanden hat.
Die Burgenforschung im Landkreis hat in den vergangenen Monaten wieder Aufschwung erhalten, nachdem Experten mit Radarsonden sich auf Spuren von Grundmauern machten. Rademacher verriet jüngst, dass man bei solchen Untersuchungenauf dem Hohenstaufen auf Grundmauern von zwei Burgtürmen gestoßen sei, von deren Existenz man bislang nichts wusste. Ähnlich spektakulär sei auch eine Spurensuche bei Bezgenriet verlaufen, wo man nun den Standort einer dort seit langem vermuteten Burg ebenso gefunden hat, wie den einer mehrschiffigen Basilika.
Am Ortsrand vom Göppinger Stadtbezirk Ursenwang, auf eine kleinen Anhöhe, stand im 15. Jahrhundert die Burg Zillenhardt. Dichter Wald steht heute an der Stelle. Doch tatsächlich ist im Dickicht noch deutlich der Burggraben zu erkennen, der die 35 mal 20 Meter große Burgfläche an drei Seiten umgab. Archäologische Funde wurden hier nie zu Tage gefördert, „man kann also nur vermuten, wie die Burg einst ausgesehen haben muss“, sagt Hobby-Historiker Thilo Keierleber. Wahrscheinlich ist aber, dass die Burg entlang einer Handelsstraße erbaut worden ist.
Ein anderer Zweig des Geschlechts der Zillenhardts führt nach Dürnau. Dort ist das Schloss 1845 durch schiere Baufälligkeit untergegangen. Seine Ursprünge lassen sich jetzt näher fassen. Der Bau des angeblich älteren Teils wurde in die Zeit 1570 bis 1580 datiert, als Wolf von Zillenhardt Ortsherr von Dürnau war. Ein Kronzeuge dafür ist der württembergische Hofbaumeister Heinrich Schickhardt, der das Badhaus von Bad Boll baute und 1627 zum Dürnauer Schloss gerufen wurde, als dort ein statisches Problem auftrat. Er nannte das Schloss noch recht neu. Allerdings gab es schon Vorgängerbauten. Ein früheres, kleineres Schloss war wohl abgebrannt. Es könnte der „Burgstall“ der Herren von Westerstetten im 14./15. Jahrhundert gewesen sein. Archäologen vermuten auch einen noch älteren Wohnturm aus Holz, der ins 12. und 13. Jahrhundert zurückreichen könnte - eventuell die Burg der Dürner von Dürnau, dem ältesten nachgewiesenen Adelsgeschlecht am Ort. Und es gibt noch einen weit älteren und sensationellen Fund: Am Schlossgraben hat man eine Bronzepinzette aus dem 7. Jahrhundert gefunden.
Angesichts der Burgenvielfalt im Landkreis befürchtet Reinhard Rademacher nicht, dass ihm die Arbeit ausgeht. Allerdings überlegt der umtriebige Kreisarchäologe auch, wie die Burgen-Historie touristisch genutzt werden könnte. Ihm schwebt deshalb vor, in Zusammenarbeit mit den Gemeinden und dem Forst einen Burgen-Wanderpfad anzulegen. Auf diesem könnten dann interessierte Urlauber zu den verschiedenen Burgen-Standorten wandern und sich so den Stauferkreis als Burgenland erschließen.

 

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